Die letzte Woche habe ich damit verbracht, auf den Alltag zu warten. Ich hatte beispielsweise zahlreiche Informationsveranstaltungen an der Uni (da stehen die Schweden anscheinend drauf) und Professorengespräche. Ich bin sowieso völlig begeistert, von den Verhältnissen an der Uni und der Ausstattung hier. Aber erst einmal der Reihe nach:

Am Montag hatte ich die erste Vorlesung an der LTH. Eigentlich war es mehr eine Einführungsveranstaltungen. Ich wurde wieder mit einem Packen Infomaterial versorgt und musste mich in Seminare und Computerübungen eintragen. Bei diesem Kurs handelt es sich um eine Vorlesung namens "Robot Technology". Im Gegensatz zu den Vorlesungen in Darmstadt ist das ganze aber eher praktisch angehaucht. Es gibt drei Projekte, die innerhalb der Seminare bearbeitet und anschließend am Computer simuliert werden. Aus dieser Arbeit setzt sich dann auch die Note zusammen, so dass ich keine Prüfung, wie ich sie bisher kenne, ablegen muss. Ziel ist es jedenfalls einen Arbeitsraum für einen Schweißroboter zu entwickeln. Dann belege ich noch ein Projekt in Robot Technology. Dabei muss ich einen Roboter entwickeln, konstruieren und schließlich bauen, der für Anwendungen in der Medizintechnik geeignet ist. Das hört sich sehr interessant, aber nach jeder Menge Arbeit an. Nur gut, dass ich keine Ahnung habe, wie so etwas gehen soll. Mir wurde bloß gesagt, ich solle die Teile im Internet kaufen. Ich bin mal gespannt!
Ansonsten habe ich an der Uni nicht mehr zu tun, aber ich befürchte beinahe, dass die Projekte schon ausreichend sind. Es ist nur ein komisches Gefühl, wenn man so auf sich alleine gestellt ist und nur alle zwei bis drei Wochen einen festen Termin hat.
Es gibt zwar bei mir keine festen Termine, dafür habe ich aber eine tolle Chipkarte bekommen. Das ist eine Plastikkarte mit Identifikationsnummer und Passfoto. Dazu gibt es noch einen Türcode. Ohne diese Untensilien ist es nämlich nicht möglich, in die Unigebäude zu gelangen oder Aufzüge zu benutzen. Das sagte man mir zumindest. Aber wie ich diese Karte nun einsetze, habe ich noch nicht herausgefunden. Kommt Zeit, kommt Rat.
Am Dienstag habe ich meinen Advanced-Sprachkurs abgeschlossen und sogar ein Zertifikat erhalten. Die Lehrerin fand das sehr wichtig. Ich nicht so, aber wenn man für Diskussionen über Mülltrennung, Mobiltelefone und Massentourismus oder für das Singen von Abba-Liedern und dergleichen ein Zertifikat bekommt, nehme ich das auch gerne mit.
Am Dienstag Abend war ich dann auf einer Geburtstagsparty von einem Mädel eingeladen, die ich im Nachtzug kennen gelernt hatte. Sie wohnt in einem Studentenwohnheim, dass eine ehemalig Psychatrie ist. So sieht es dort auch aus! Man findet noch die Leisten mit den Knöpfen an der Wand und die Lichter über der Tür, die blinken, wenn man die Schwester ruft. Die Flure sehen orginal aus wie im Krankenhaus und in die Toiletten passen mindestens drei Rollstuhlfahrer. Die Duschen befinden sich in einem großen Waschsaal und sind durch mehr oder minder durchsichtige Vorhänge getrennt. Eine Trennung nach Männlein und Weiblein gibt es natürlich nicht. Der Aufenthaltsraum war wohl früher der Aufenthaltsraum für alle, die ruhig gestellt wurden und die Küche hat einen Charme von Krankenhaus-Industrieküche ohne Industrieküche. Da lob ich mir doch das Greenhouse! Am gruseligsten ist aber der Keller der alten Psychatrie, den wir gegen Mitternacht besichtigt haben: ein Notstromaggregat, das das erste Drittel des Kellerganges mit flackerndem Licht beleuchtet, rechts und links vom Gang unverschlossene Türen in komische Räume und schimmlige Duschsäle. Am Ende des Gangs haben wir einen Bunker gefunden, in dem viele Akten (letzte Eintragung von 1985) und Lagepläne aufbewahrt wurden und ob in den Kisten nun Gasfilter oder doch Minen gelagert waren, möchte ich gar nicht so genau wissen. Ich war nur froh als wir den Keller wieder verlassen hatten!
Ansonsten war ich noch auf einer Nation-Party. Nations sind hier so etwas wie Studentenverbindungen und wenn man in Lund studiert, muss man Mitglied einer solchen werden. Welcher Nation ich beitreten möchte, weiß ich noch nicht so genau, aber im Laufe der Woche muss ich mich entscheiden. Auf jeden Fall sind die Parties immer voll und enden pünktlich um 2 Uhr. Ab 1.45 Uhr werden auch keine Getränke mehr verkauft. Um 2 Uhr geht dann das Licht an, die Musik aus und man muss nach Hause gehen. Am Anfang war das recht ungewöhnlich, aber der Trick ist einfach man muss früher anfangen. So trifft man sich eben nicht erst um 22 Uhr, wenn die Party losgeht, sondern schon um 20 Uhr, um mit den lustigen Schweden diverse Trinkspiele zu spielen. Für meinen Geschmack übertreiben sie es dabei immer, aber Ziel ist, möglichst angetrunken, wenn nicht schon "ratzeputzevoll" (ein Lieblingswort der hier ansässigen Schweden), auf der anschließenden Party aufzuschlagen. Leider oder vielleicht auch zum Glück muss ich ja immer noch ins Grennhouse zurückradeln, so dass ich zumindest immer einen einigermaßen klaren Kopf behalten muss. Sonst hält mich noch die Polizei an, die es hier auf Fahrradfahrer so abgesehen hat, wie die Polizei in Deutschland auf Autofahrer. Es gibt Knöllchen für Falschparken und Strafe-Zahlen für Fahren ohne Licht oder Reflektoren.
Nach wie vor gefällt es mir sehr gut hier und geärgert habe ich mich nur über meine Mitbewohner für die Sauberkeit ein Fremdwort, Putzen eine Straftat und alles andere was mit Ordnung zu tun hat, wohl eine schlechte deutsche Angewohnheit zu sein scheint. So ist es keine Seltenheit am Morgen eine Küche vorzufinden, die nach einer Kneipe riecht und in der es aussieht als hätte eine Rockband ihr Unwesen getrieben. Und wenn ich dann noch nicht mal Platz habe, um einen Kaffee zu kochen (da ich ja auch nicht allzu viel Schlaf finde), dann ist meine Toleranzgrenze überschritten. So habe ich schon erklären müssen, dass ich absolut nichts gegen Parties habe, Sauberkeit keine deutsche Erfindung ist und ich keine Lust habe, mich wie in einem Youth Hostel zu fühlen. Ich habe es mit Learning by Doing versucht und erfahren müssen, dass WC-Reiniger, Putzlappen und Scheuermilch eine ganze Welle der Begeisterung bei einigen Menschen auslösen können:
"Is this for cleaning the bathroom and this for cleaning the kitchen? Oh look, it works!"
P.S.: Die Gradzahlen auf der Waschmaschine, machen keine Aussage über die Dauer der Wäsche :)! (damit niemandem dieser gravierende Fehler unterlaufen möge!)
Ich wünsche euch eine schöne Woche und viel Erfolg und Spaß, bei dem, was bei euch so ansteht!